Wenn du nach Ungarn kommst
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Wenn du nach Ungarn kommst

Eine andere Flüchtlingsgeschichte

Bisher war die 164 kilometerlange lange Grenze zwischen Ungarn Serbien fast unsichtbar. Das Stückchen Erde zwischen dem was EU ist und dem, was außerhalb liegt, sieht genauso banal und alltäglich aus wie die Wiesen davor und dahinter – mit dem Unterschied, dass ein paar weiße Pflöcke aus dem Gras ragen. Auf der einen Seite steht das M für „Magyarország“ – Ungarn. Auf der anderen die Buchstaben PC, kyrillisch für Serbien. In den 90er Jahren wurde ein kleiner Graben ausgehoben, um die Autoschmuggler abzuschrecken, aber man kann leicht hinüberspringen. Er ist fast vollständig zugewachsen und vom Staub, den die zahllosen Füße, täglich aufwirbeln, bedeckt.

Trotzdem ist die Grenze zwischen Serbien und Ungarn, dem Anfang von Europa, fast unüberwindbar. Und nicht erst jetzt, da der Grenzzaun aufgestellt wird. Die größten Hindernisse für die Flüchtlinge sind abstrakter. Die Festung Europa spiegelt sich in dem steinernen Gesicht des Polizeibeamten, den Ablehnungsbriefen der Einwanderungsbehörde, die wir auf unsere Drehanfrage im Flüchtlingslager erhalten, den Reden von Ministerpräsident Viktor Orbán, die bewusst den Fremdenhass schüren und in den verunsicherten Blicken von geflüchteten Familien.

Vor den Toren

Serbien

Die Flüchtlinge nennen ihn „Dschungel“ – den Wald hinter einer verlassenen Ziegelfabrik. Er beginnt am Stadtrand der serbischen Kleinstadt Subotica, etwa zwölf Kilometer vor Europas Pforten. Sie zu erreichen ist das Ziel von allen, die sich hier aufhalten. In Grüppchen lagern sie jeweils ein paar Tage im Gebüsch, in die Stadt trauen sich die meisten aus Angst vor der Polizei nicht. Manche warten auf den nächsten Anruf ihrer Schleuser, andere gehen von hier aus alleine weiter.

Tibor Varga von der Schweizer Osteuropa Mission ist mit seinem Kleinbus gekommen. Sein Auto ist vollgepackt mit Tomaten, Zwiebeln, Brot und Wasser. Seit Jahren schon ist er fast täglich im Dschungel unterwegs und verteilt Essen und gute Worte. Er spricht mittlerweile sogar ein bisschen Paschtu, „leider nicht gut genug, um alles zu verstehen“, sagt er.

Auch die Ärzte ohne Grenzen sind an diesem Tag vor Ort. Sie haben ein dunkelgrünes Behandlungszelt aufgebaut und verteilen kleine Papierzettelchen. Jeder, der behandelt werden möchte, bekommt eine Nummer. Sie sagen, dass viele Wunden an den Füßen haben und sich Hautkrankheiten wie Krätze verbreiten. Generell seien ihre Patienten in Serbien in viel schlechterem Zustand als noch in Griechenland oder Mazedonien, wo die Organisation ebenfalls Teams vor Ort hat. Das Hauptproblem sei das Trinkwasser. Es gebe keins – nur einen schmutzigen, keimverseuchten Brunnen.

Serbische Polizisten sind weit und breit nicht zu sehen, aber viele berichten von korrupten Beamten, die den Flüchtlingen das letzte Geld abnehmen wollen. So auch Ismael. Dabei hat er ohnehin schon viel zu viel für diese Reise bezahlt. Etwa 10.000 Euro verlangen die Schleuser für die Tour von Afghanistan nach Europa, das Vielfache eines Flugtickets.

Nach Angaben von Frontex war die so genannte Westbalkanroute über Serbien und Ungarn in den ersten fünf Monaten diesen Jahres eine der am meisten benutzten Strecken der Flüchtlinge nach Europa. Allerdings liegt das auch an der großen Anzahl der Kosovaren, die zwischen Dezember letzten Jahres und Anfang 2015 zu Zehntausenden Richtung Österreich und Deutschland aufbrachen. Mittlerweile ist die Flüchtlingsbewegung aus dem Kosovo wieder zurückgegangen. Wohl auch, weil Österreich und Deutschland nachdrücklich in kosovarischen Zeitungen darüber informierten, dass die Chance in Westeuropa Asyl zu bekommen verschwindend gering sind.

Doch auch von Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien wird die Route vermehrt genutzt. Aus Afghanistan führt sie zunächst in den Iran. Die Afghanen sind dort in vielen Landesteilen nicht gern gesehen und erzählen von der menschenunwürdigen Behandlung, die sie dort erfahren haben. In der Türkei sei es besser. „Viele Türken“, sagt Ismael, „seien sehr hilfsbereit.“ Er bete immer noch täglich für den Mann, der ihm spontan neue Schuhe schenkte, weil seine alten völlig zerlumpt waren. Über Bulgarien oder Griechenland geht es dann weiter nach Mazedonien. Erst im Juli wurde ein Gesetz verabschiedet, welches Flüchtlingen die Benutzung von Bus und Bahn erlaubt. Zuvor stand bei den meisten ein tagelanger Fußmarsch an, um die Ziegelfabrik bei Subotica zu erreichen. Die zerschundenen Schuhe und Füße sind stille Zeugen der Strapazen.

Die ungarische Regierung betont gern, dass diejenigen, die die Grenze zwischen Serbien und Ungarn illegal überqueren, gar keine Flüchtlinge sind. In Serbien sei schließlich kein Krieg. Die Pläne gehen soweit, dass die Orbán-Regierung Serbien Anfang August als Drittstaat eingestuft hat, um Asylbewerber dorthin abschieben zu können. Was in dieser Debatte gerne verschwiegen wird: In Serbien Asyl zu beantragen ist quasi aussichtslos. Ein Asylsystem ist de facto nicht vorhanden. Zwischen 2012 und Ende letzten Jahres erhielten nur 16 Menschen eine Form von politischem Schutz. Laut dem im April veröffentlichten Bericht von Human Rights Watch gibt es außerdem immer wieder Vorfälle, in denen serbische Polizisten aggressiv bis gewalttätig gegenüber Flüchtlingen sind.

Meist genutzte Flüchtlingswege – Zahlen illegale Migranten 2014

Festung Europa

(die ungarische Grenze)

Nach Angaben von Eurostat haben vergangenes Jahr mehr als 625.000 Menschen in Europa Asyl beantragt, weitere 185.000 Anträge gingen in den ersten drei Monaten diesen Jahres ein. Die höchste Zahl an Asylbewerbern verzeichnete 2014 Deutschland mit 202.000 Anträgen. Umgerechnet auf die Bevölkerung war allerdings Schweden mit 8,4 Anträgen pro 1.000 Einwohner führend. In Ungarn wurden 4,3 Anträge pro 1.000 Einwohner registriert. Keines der europäischen Länder kann sich jedoch mit der Türkei, zwei Millionen Flüchtlinge allein aus Syrien und dem Libanon, messen. Bei einer Einwohnerzahl von nicht ganz sechs Millionen Menschen haben sie 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen.

Herkunftsländer illegaler Migranten, die in Ungarn (Personenanzahl) - 2013

Für die meisten Flüchtlinge ist der illegale Weg über Land und Meer die einzige Chance Europa zu erreichen, da die europäischen Staaten nur in den wenigsten Fällen Einreisevisa in Aussicht stellen. Nach Angaben der Europäischen Kommission haben zum Beispiel sieben Schengenstaaten Konsulate in Kabul. Insgesamt wurden dort im vergangenen Jahr 6.282 Visaanträge eingereicht, von denen ein Drittel zurückgewiesen wurde. Deutschland hatte mit 44 Prozent die höchste Ablehnungsquote. Zum Vergleich: Im gleichen Jahr haben 41.000 Afghanen Asyl in Europa beantragt.

Wer sich im Wald rund um das Grenzörtchen Ássothalom genauer umschaut, entdeckt die Schneisen, die die vielen Füße derer, die aus ihrer Heimat geflohen sind, durch die Felder und Wiesen geschlagen haben. Auch auf einer verlassenen Farm haben sie Spuren hinterlassen, Kleidungsstücke, Dokumente von Western Union, Zahnbürsten und Haarshampoo liegen herum. Anita wohnt mit ihrer Tochter und ihrem Freund auf einem kleinen abgelegenen Hof, nur 500 Meter von der Grenze entfernt. Sie nennt die Flüchtlinge Touristen. Angst hat sie keine.

Obwohl die ungarische Regierung das Thema Einwanderung erst Anfang des Jahres als populistisches Thema entdeckte, nahm sie schnell immer radikalere Positionen ein. Im Juni kam von einem Tag auf den anderen die Meldung, ein Grenzzaun werde gebaut. Im Juli begannen die Bauarbeiten, bis Ende August soll er stehen. Auch ohne Zaun war die Grenze nie unbewacht. Die Streifen der ungarischen Polizei sind ständig an verschiedenen Abschnitten präsent.

Das wichtige Überwachungswerkzeug sind aber die Wärmebildkameras, befestigt an hohen Stahltürmen. Einer davon steht am offiziellen Grenzübergang Röszke. In einem kleinen, stickigen Zimmerchen werden die Bilder über vier Bildschirme kontrolliert. Bewegt sich etwas auffällig, werden die Patrouillen vor Ort über Sprechfunkgeräte informiert.

Die Festung Europa aufrecht zu erhalten, ist ein kostspieliges Unterfangen. Auf eine Milliarde Euro beliefen sich die Ausgaben vergangenes Jahr allein für Frontex. Das beinhaltet noch nicht die Kosten für Polizei und Küstenwache, die aus den jeweiligen nationalen Budgets bezahlt werden.

72 Millionen Euro wurden für die Grenzanlagen um die spanischen Enklaven Ceuta und Melilla ausgegeben. Der Zaun zwischen Ungarn und Serbien soll 80 Millionen kosten. Ebenfalls kräftig zu Buche schlagen die Ausgaben für Abschiebungen. Nach Berechnungen des von europäischen Journalisten veröffentlichten Projektes The Migrant Files, wurden seit 2000 11,3 Milliarden dafür ausgegeben.

Abgefangen

In Ungarn

Obwohl die meisten Menschen am liebsten unbemerkt durch Ungarn reisen würden, werden viele angehalten. Die Polizei hat dafür lokale Hilfe. László Toroczkai von der rechtsradikalen Partei Jobbik und Bürgermeister des grenznahen Ásothalom ist besonders stolz auf seine sogenannten Feldwächter. Das sind Freiwillige, die der Polizei melden, wenn sie Flüchtlinge beobachten. Auch die sogenannte “Polgárörség”, eine Art Bürgerwehr, hilft ehrenamtlich bei der Grenzsicherung. An bekannten Knotenpunkten der Flüchtlingsrouten parken sie ihren Wagen und warten darauf, Flüchtlinge abzufangen.

Oberstleutnant Gábor Éberhardt sagt, um die Registrierung als Asylbewerber einzuleiten, reiche es schon, wenn jemand die Worte „refugee“ oder „asylum“ äußert. Tut er das nicht, müsse eigentlich das Abschiebeverfahren nach Serbien eingeleitet werden. Wir treffen allerdings immer wieder Menschen, die durch schlechte Behandlung und mangelnde Information dazu gezwungen wurden, einen Asylantrag zu stellen. Der Polizei kommt das gelegen, denn so können sie die Fälle an die Einwanderungsbehörde übergeben, während die Abschiebeprozedur nach Serbien in der Regel einen langwierigen Prozess nach sich zieht.

Asylbewerber kommen zunächst in eine der sogenannten Sammelstellen. Eine befindet sich im Innenhof des Polizeigebäudes von Szeged. Dort sind einige graue Container zu sehen und etwas, das so aussieht wie Garagentüren. Sie zu fotografieren erlaubt man uns nicht. Eine weitere Anlage liegt mitten im Nirgendwo in Nagyfa. Das Areal darum ist Sperrgebiet weil sich in direkter Nachbarschaft auch ein Gefängnis befindet. Die Öffentlichkeit kommt nicht in die Sichtweite des Gebäudes. Eine dritte Sammelstelle befindet sich kurz hinter dem offiziellen Grenzübergang von Röszke, links von der Autobahn – eine Art blauer Hangar. Ende Juni kam es hier zu Unruhen. Nach Angaben der Polizei haben Asylbewerber sich geweigert ihre Fingerabdrücke abzugeben, doch andere Quellen berichten, dass sie gegen die schlechten Bedingungen protestierten.

Asylbewerberzahlen in Europa - 2011-2015

In diesen Sammelstellen verbringen die Flüchtlinge nach offiziellen Angaben der Polizei maximal 24 Stunden. In diesem Zeitraum erfolgt, wie es auf polizeiungarisch heißt, eine „erste Datenerfassung“, inklusive Fingerabdrücke und Fotos. Anschließend werden die Informationen in der Europäische Datenbank EURODAC registriert. Auch die Flüchtlinge in Serbien hatten von den Fingerabdrücken gehört und fürchteten sich davor. Zwar waren sie sich nicht ganz sicher wie das System genau funktioniert, aber sie wussten, dass es ihre Reise erheblich erschweren könnte, wenn sie einmal in Ungarn registriert sind.

Die Polizei ist befugt eine so genannte Asylhaft anzuordnen, die bis zu 72 Stunden dauern kann. Nach 24 Stunden ist allerdings ein Gerichtsbeschluss nötig. Auch während des weiteren Asylverfahrens landen etwa zehn Prozent der Asylbewerber in einem der geschlossenen Flüchtlingslager, quasi Gefängnisse – im vergangenen Jahr waren es 4.829 Menschen. Obwohl die systematische Inhaftierung von Asylbewerbern seit einer Gesetzesänderung vor zwei Jahren abgenommen hat – zuvor wurden fast alle Asylbewerber zunächst in geschlossenen Lagern untergebracht – ist sie immer noch eine der kontroversesten Praktiken.

Der Chef des Amts für Einwanderung und Staatsbürgerschaft Árpád Szép sagt, dass eine begründete Annahme bestehen muss, das der Antragsteller mit den Behörden nicht kooperieren möchte. So zum Beispiel, wenn ihn die Polizei in einem Zug von Györ nach München erwischt. Doch laut einem Bericht des Helsinki Komitees ist eines der Hauptprobleme die ungenaue Gesetzesgrundlage, die eine willkürliche Inhaftierung zulässt. So ist es erlaubt einen Menschen allein deshalb einzusperren, weil seine Identität nicht eindeutig geklärt ist.

Die EU ist an der ungarischen Praxis allerdings nicht unschuldig. Die Orbán-Regierung beruft sich auf die im Juli 2013 verabschiedete EU-Direktive 2013/33, die eine Inhaftierung von Asylbewerbern rechtfertigt. In Deutschland soll es durch die im Juli verabschiedeten Asylgesetzreformen ebenfalls leichter werden, Flüchtlinge einzusperren, insbesondere Personen, denen eine Abschiebung droht.

Auf dem Weg zum Lager

Szeged

Viele derer, die zuvor in in den Sammelstellen die Nacht verbracht haben, finden sich am Szegeder Hauptbahnhof wieder. Den ganzen Tag über treffen neue Gruppen ein und nehmen den stündlich abfahrenden Zug nach Budapest. Sie sind leicht zu erkennen – aus ihren Taschen ragen weiße A4-Bögen, ausgestellt vom Amt für Einwanderung und Staatsbürgerschaft. Eines der Blätter ist ein Fahrschein. Er berechtigt sie zu einer Fahrt von Szeged bis zu einem der drei sogenannten “offenen Flüchtlingslager” – eine Art Asylbewerberheim. Jeder ist entweder Bicske, Debrecen oder Vámosszabadi zugeteilt. Ob sie die Anweisung befolgen und tatsächlich in die Flüchtlingslager fahren, kontrolliert allerdings niemand.

Migrationsrouten in Ungarn - 2014

Da die Flüchtlinge den Weg von Szeged zum Lager unbegleitet zurücklegen, reisen viele direkt weiter. Árpád Szép sagt, eine Überwachung wäre sehr teuer und letztlich sinnlos, da die Lager ohnehin offen seien. So verlassen etwa 30 bis 40 Prozent der Flüchtlinge innerhalb der ersten Wochen das Land Richtung Westen.

Das bedeutet aber nicht, dass sie dort bleiben dürfen. Nach den Regeln des Dublin-III-Abkommens gilt, dass das Land für den Asylbewerber zuständig ist, durch welches er oder sie die EU zum ersten Mal betreten hat, beziehungsweise zuerst registriert worden ist.

Die Regierung in Ungarn schürt Ängste, dass Staaten wie Deutschland und Österreich sich stärker als bisher auf das Dublin-III berufen könnten und Ungarn unter einer Flut von Flüchtlingen zusammenbrechen würde. Bisher scheinen diese Befürchtungen jedoch nicht gerechtfertigt.

Zwar erhielt Ungarn im vergangenen Jahr mehrere tausend Anfragen, ob sie die Asylbewerber zurücknehmen; nach Ungarn abgeschoben wurden letztlich aber nur etwa 800 Personen. Zudem haben sowohl in Deutschland, als auch in Österreich mehrere Gerichte in Einzelfällen gegen eine Abschiebung nach Ungarn entschieden. Zuletzt das Verwaltungsgericht Köln im Falle eines Irakers Ende Juli. Das Gericht begründete die Entscheidung damit, dass sogenannte rücküberstellte Personen in Ungarn bis zu sechs Monate ohne Einzelfallprüfung inhaftiert werden und die medizinische Versorgung nicht gesichert sei.

Das neue Leben beginnt im Lager

Bicske

Bicske ist eine Kleinstadt rund 40 km von Budapest entfernt. Der Ort ist adrett, kein Müll liegt auf der Straße; von der Großstadt ist hier nichts zu spüren. Vom Bahnhof zum Lager sind es zu Fuß gut 30 Minuten. Nach etwa 15 Minuten kommt ein letztes Café. Dann geht es weiter die Hauptstraße entlang, auf der neben den Autos und LKWs auch heubeladenen Pferdekarren fahren. Rechts taucht ein Tesco-Großmarkt auf. Spätestens jetzt begegnen einem immer wieder kleine Menschengruppen. Fast alle tragen Sandalen, meisten so, dass die Ferse hinten die Schlappen runter tritt. Geht man den schmalen Fußweg weiter, erreicht man das Lager.

Sie schlafen in Mehrbettzimmern, acht Leute oder mehr. Duschen und Toiletten sind ständig verdreckt und es gibt nur zwei Mahlzeiten täglich, früh morgens und mittags. Schmecken tut es keinem. 8-000 Forint, etwa 25 Euro erhalten die Flüchtlinge pro Person monatlich. Das meiste geben sie für Essen aus, manche auch für Zigaretten oder Alkohol.

Kazem ist seit ein paar Monaten in Bicske. Er sieht sehr jung aus, nur glaubt ihm keiner der offiziellen Stellen, dass er minderjährig ist. Sogar seine Geburtsurkunde hat er aus dem Iran schicken lassen, als Beweis, dass er erst 17 ist – umsonst. Vor zwei Jahren war er schon mal in Ungarn, ging dann aber weiter nach nach Finnland. Vom Land im hohen Norden spricht er wie andere von ihrem Zuhause. In nur drei Monaten habe er Finnisch gelernt, Freunde gefunden. Anderthalb Jahre habe er dort gelebt, aber dann fanden die finnischen Behörden heraus, dass er in Ungarn registriert ist und schickten ihn zurück. Für Kazem ist es eine Katastrophe. Er habe seitdem den Lebensmut verloren, sagt er. Gegen die Schlaflosigkeit helfen ihm nur Psychopharmaka.

Kazems Familie gehört zu den Hazara, einer afghanischen Minderheit, die unter anderem von den Taliban verfolgt wird. Sie lebten deshalb im Iran. Doch es ist kein Geheimnis, dass sie auch dort nur Bürger zweiter Klasse sind. Es gibt keine Chance auf Staatsbürgerschaft, kein Anrecht auf freie Bildung, die Universität erreichen die wenigsten. Kazem hat nur 6 Schulklassen besucht. Bevor sie flohen, half er seiner Mutter eine Eisfabrik zu putzen. Die Familie entscheidet sich zu fliehen. Doch etwas geht schief. Irgendwo zwischen Ägypten und der Türkei verliert Kazem seine Eltern. Sie waren kurzzeitig getrennt worden und mit einer anderen Schleppergruppe unterwegs. Als Kazem nach ihnen fragt, sagt man ihm, der Rest der Familie sei erwischt worden und zurück im Iran. Aber er weiß nicht, ob diese Geschichte stimmt.

Szép von der Einwanderungsbehörde sagt, einige Fälle seien sehr kompliziert. Dabei denkt er vor allem an die Aufgabe, zu prüfen wie authentisch eine Fluchtgeschichte ist. Die Flüchtlinge wüssten, dass sie eine höhere Chance auf Asyl haben, wenn sie aus einem Krisengebiet kommen. „Wenn Krieg im Irak ist, sagen alle sie kommen von dort, als die Lage in Palästina sich verschärfte sagten alle sie wären palästinische Staatsangehörige.

Da die meisten Flüchtlinge keine Dokumente bei sich tragen – sie haben sie auf der Flucht entweder verloren, entsorgt oder sie wurden ihnen von den Schmugglern abgenommen – können die Beamten nur über Umwege feststellen woher die Antragsteller kommen. Durch konkretes Nachfragen über Orte und Gebräuche will man herausfinden, ob die Person Syrien oder Palästina wirklich kennt.

Nach der Erfahrung des Helsinki Komitees ist das Amt für Einwanderung und Staatsbürgerschaft sehr darauf aus, Widersprüche in den Erzählungen der Flüchtlinge zu finden, um negative Bescheide auszustellen. Es gibt die Möglichkeit dagegen vor Gericht zu klagen, oft mit Erfolg.
Prozent der Flüchtlinge in Ungarn in Relation zur Bevölkerungszahl europischer Großstädte

Wenn in Ungarn über das „Flüchtlingsproblem“ gesprochen wird, fällt als erstes die Zahl der Asylbewerber: 42-000 waren es im Jahr 2014. Wichtig zu betonen ist aber, dass die Hälfte der begonnen Asylverfahren vorzeitig beendet wurde, da die jeweiligen Bewerber das Land verlassen hatten. Damit lässt sich teilweise auch das ungleiche Zahlenverhältnis zwischen Antragstellungen und Anerkennungen erklären. Tatsächlich entschieden wurden 5.056 Fälle, wovon etwa zehn Prozent in erster Instanz positiv ausgingen. Das sind 503 Menschen.

Die es geschafft haben

Budapest

Ende 2014 lebten insgesamt 3.000 anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte in Ungarn. Das sind 0,03 Prozent der Bevölkerung. Steigt ihre Anzahl im bisherigen Tempo an, würde sie in 200 Jahren auf ein Prozent anwachsen. Trotzdem wird die Orbán-Regierung nicht müde vor einer Überfremdung zu warnen.

Auch Ali war in Bicske. Seit Februar lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern als anerkannter Flüchtling in Budapest. Wir haben ihn über die Aktivisten Gruppe Migszol kennen gelernt - eine der wenigen Organisationen in Ungarn, die sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzt. Als Teenager ist Ali mit seiner Mutter vor den Taliban aus Afghanistan nach Pakistan geflohen. Doch auch dort kommt es immer wieder zu Übergriffen. Die Familie entscheidet nach 17 Jahren in die alte Heimat Afghanistan zurück zu gehen. Seine zwei Kinder haben sie nie gesehen. Doch schon nach zwei Monaten passiert etwas. Aus Angst seine Kinder und seine Frau zu gefährden, möchte Ali nicht öffentlich darüber sprechen. Die Familie flieht Hals über Kopf. Die Reise zahlen sie mit dem Goldschmuck von Bakhtawar, Alis Frau. Wie viel er Wert ist, weiß er nicht, nur, dass er immer noch Schulden bei den Schleppern hat.

Er sagt, er sei dankbar für die Sicherheit, die ihm Ungarn biete. Aber er weiß trotzdem nicht, wie er seine Familie durchbringen soll. Dabei hatte die Familie von Ali hat zunächst Glück. Sie bekommen eine der wenigen bezuschussten Wohnung über die Evangelische Flüchtlingsmission (RMK) vermittelt. Im Mai erfährt die Familie jedoch, dass die EU-Förderung für das Wohnprojekt ausläuft und sie bis Juli ausziehen müssen. Doch eine Wohnung auf dem freien Markt werden sie sich wahrscheinlich nicht leisten können. Alis Familie bekommt im ersten Halbjahr monatlich 172.000 Forint, etwa 550 Euro, vom ungarischen Staat. Halbjährlich wird es gedrosselt, bis der zweijährige sogenannte Integrationsvertrag, den anerkannte Flüchtlinge in Ungarn unterschreiben, ausläuft.

Dass das Geld zu wenig ist, ist in Ungarn allerdings schwer zu argumentieren – die reguläre Sozialhilfe beträgt weniger als 100 Euro. Ali hat schon ernsthaft in Erwägung gezogen in eine Obdachlosenunterkunft zu ziehen, so wie viele andere Flüchtlinge in Budapest auch. Zwei andere betroffene Familien haben ihm erzählt, dass sie weiter ziehen werden, sobald sie aus ihren Wohnungen raus müssen. Sie sehen keine Chance in Ungarn menschenwürdig zu leben.

Farahnaz ist schon seit Jahren in Europa, die meiste Zeit in Ungarn, zwischendurch war sie auch in England und Österreich, doch immer wieder schickte man sie zurück – Jahre überschattet von den Regeln des Dubliner Systems. Mittlerweile fühle sie sich trotz allem zumindest ein bisschen mit Ungarn verbunden. Vielleicht, weil ihre Tochter hier geboren wurde. Mit „hier“, meint sie das Debrezener Flüchtlingslager. Nur wovon sie leben soll, weiß sie nicht. Sie und ihre Tochter Sahar müssen mit 11.400 Forint Familiengeld pro Monat auskommen – nicht ganz 40 Euro. Zurzeit macht Farahnaz ihren Schulabschluss nach, dabei hat sie in Afghanistan zwei Jahre an der Universität Fotografie studiert und für die internationale Fotoagentur European Pressphoto gearbeitet. Ihre Tochter Sahar ist mittlerweile fünf und geht in den Kindergarten. “Manchmal fragt sie wann wir endlich ein richtiges Zuhause bekommen.” sagt Farahnaz.

Farahnaz, Sahar, Ali und sein Sohn Mehdi, alle wollen das gleiche: arbeiten, studieren, sich gebraucht fühlen und glücklich sein. Das wird jedoch immer schwieriger, nicht nur wegen der vielen Alltagssorgen, die sie bewältigen müssen, sondern auch durch die unsichtbaren Grenzen, die durch die populistische Rethorik der ungarischen Regierung immer undurchdringlicher werden. Im Mai rief Orbán zu einer nationalen Volksbefragung auf, mit der Begründung, die Meinung der Bürger zum Thema „Asyl“ einzuholen. Die Fragen waren so suggestiv formuliert, dass sie vor allem eines bewirkten: die Flüchtlinge weiter zu stigmatisieren.